[:de]1.
Alles verloren, die Gedichte zuerst
dann den Schlaf, dann den Tag dazu
dann das alles dazu, was am Tag war
und was in der Nacht. Dann als nichts
mehr, noch verloren, weiterverloren
bis weniger als nichts und ich nicht mehr
und schon gar nichts war,
Für den Erstummten die Wüstenei
mit dem verständlichen Gespinnst
das sanft seinen Wahnsinn einpuppt
bis er liebevoll die Sterne und das gläserne Hotel malt,
2.
FÜR INGMAR BERGMAN, DER VON DER WAND WEISS
Ich hab die Wahrheit
gesehen, von einer
Riesenklapper
schlange umhalst
und verschlungen von
einer Riesenschlange
die in ihrem Bauch
sie aufbläht und
langsam vergehen
verenden läßt, sie
verzehrt.
Ich habe die Wand
gesehn und geschrien
in meinem weißen
weißen Bett, an das
keiner kam, ich
habe in einem weißen
weißen Bett gelegen
und geschrien weil
alle Orkustiere es
abgesehen hatten auf mich
die Kröten, die
Würmer, die (–)
die Saurier, und das
schlug um sich mit Flügel und Flosse
Ich hab keine Worte mehr
nur Kröten, die springen
heraus und schrecken, nur
Habichte, die stürzen
hinaus, nur reißende
Hunde wilde, wie`s keine
mehr gibt, Bluthunde,
die fallen euch an
die johlen und
meine Mundgeburten
in lieblicher Bläue
und bei Frost der
abgemähten Liebesfelder
Liebe, die große Merde
alors, das düngt einen
Wahnsinn, in dem
meinetwegen, alles,
meinetwegen alles, zugrund gehen soll.
3.
IM LOT
Eine andere Nacht. Was ins Lot kommt,
vom vielen Schlaf und im Schlaf kommt,
nimm das an: wird eines nachts dich heilen.
Du sollst ja nicht weinen.
Was vom vielen Tag und bei Tag kommt,
aber du sollst ja nicht weinen,
wenn es alle Tage auch kommt,
versuch es zu kennen, es will heilen.
4.
MEMORIAL
Die Dinge
der Korb für das Brot
das Einmaleins des Morgens
und die zwei Schalen
weißt du das Einmaleins
des Morgens noch
wer gibt die die Hand
über den Tisch
wo ist es aufgehoben
In meinen schlaflosen Nächten
räuchere ich die Wohnung aus
mit Ministranten
noch immer gebe ich die
Trinkgelder und halte
die Stürme ab
es gewittert nur noch
in meiner Erinnerung
die Straßenreinigung kommt
die wäscht eine Gasse
die aufwärts führt
aber deine Hände um meinen
Hals und die Erde an meinem
Gesicht von den Blumen,
jemand ruft nach der Polizei
ich rufe zum Himmel
dass diese Hände sich lösen die meine Schreie ersticken.
5.
DIE NACHT DER VERLORENEN
DAS ENDE DER LIEBE
Ein Mond, ein Himmel
und das dunkle Meer.
Nur, dunkel alles.
Nur weil es Nacht ist
und nichts Menschliches
dies feingewirkte auch durchwebt.
Was wirfst du mir noch vor
und solche Bitterkeit,
Tu`s nicht.
Ich hab nichts Besseres gewusst
als dich zu lieben, ich hab
nicht gedacht,
daß durch den Schweiß der Haut
die (–) Welt
und dass der Groschen fiel
6.
So stürben wir
um ungetrennt zu sein
Dein Haus muß noch
mein Haus bleiben.
Ich muß dort aus und eingehn
muß dort bleiben,
zum Rechten sehen,
weil sonst niemand sieht
was Deine welken Augen
abends finden, nur mich
ich weiß es, darum muß
das Haus mein Haus
für immer sein, wo
ich auch bin, ich muß
den Abend richten,
und die Gedanken, auf-
helfen in den Schlaf.
zitiert nach: Ingeborg Bachmann, Ich weiß keine bessere Welt. Unveröffentlichte Gedichte, Piper Verlag, 2003, ISBN 3-492-23984-6[:]
